Roland S-550 als Synthesizer

Im Zeitalter von DVD, 24 Bit und 96 kHz (natürlich in Surround) macht ein 12-Bit Monosampler wie der Roland S-550 nicht mehr allzu viel her (von Drums und Bässen mal abgesehen). Da die Kisten aber damals schon recht gute Filter vorzuweisen hatten, kann man sie auch heute noch prima als Synthesizer-Ersatz verwenden. Dazu braucht es lediglich fünf Wellenform-Samples von nur 0,4 Sekunden Länge (der kürzesten Einheit bei diesem Gerät). Die Syntheseparameter lassen sich geradezu traumhaft einfach am Bildschirm des Samplers verändern.

Mit den Wellenform-Samples Sägezahn, Rechteck, Dreieck, Sinus und Rauschen erhalten Sie einen subtraktiven Synthesizer mit zuerst einmal 16 Stimmen. Die Zahl der Oszillatoren pro Sound können Sie quasi selbst bestimmen, wobei sich die Stimmenanzahl entsprechend reduziert. Üblicher Weise kann man mit 8 Stimmen rechnen. Ein Oszillator ist vielleicht etwas mager, zwei aber bereits üblich und sehr einfach über die Abspielmodi auf der Patch-Ebene zu realisieren: Sollen beide Oszillatoren die gleiche Wellenform abspielen, stellen Sie bei den Patch-Parametern den Unisono-Modus ein. Über den zugehörigen Unisono-Detune Paramater können Sie die Oszillatoren gegeneinander verstimmen. Je nach Stärke der Verstimmung erhalten Sie einen Flanger- oder einen Chorus-artigen Effekt. Einfache Flächensounds sind so schnell zu realisieren.
Sollen jedoch zwei unterschiedliche Wellenformen abgespielt werden, können Sie den Velocity Mix Mode (V-Mix) verwenden. Stellen Sie den Parameter V-Mix Ratio dabei auf 0, werden beide Samples immer gleichzeitig abgespielt. Höhere Werte erlauben das Einblenden des zweiten Oszillators über die Anschlagsstärke. Noch mehr Oszillatoren erreichen Sie dann über den MIDI Multimode. Stellen Sie zwei unabhängige Patches mit je zwei Oszillatoren auf den gleichen MIDI-Kanal ein, erhalten Sie einen Sound aus vier Oszillatoren, der dann allerdings nur noch vierstimmig spielbar ist. Rechnen Sie jedoch nicht mit dieser Stimmenzahl. Wegen des etwas kuriosen Timing-Verhaltens der S-Sampler sollten Sie sich auf zwei- bis dreistimmige Parts beschränken. Immerhin: Ein fettes Solo ist durchaus machbar...

Noch ein paar Tipps zur Organisation Ihrer Sounds. So flexibel die Rolands in ihrer Klangbearbeitung sein mögen, gerade in unserem Fall wäre eine Klangformung auf Patch-Ebene ideal gewesen. Sie hätten dann beide Oszillatoren durch ein Filter jagen können. Das Filter befindet sich hier jedoch auf der Tone-Ebene, d.h. Sie müssen/können jedes einzelne Sample bzw. jeden einzelnen Oszillator mit eigenen Filtereinstellungen versehen. Hinzu kommt, dass Sie dieses Sample dann nicht mehr unabhängig von seinen Filtern verwenden können. Hier bietet Roland aber Gott sei Dank die so genannten Sub Tones an: Auf Basis eines Samples kann ein unabhängiger Tone mit eigenen Einstellungen für LFO, Filter, Verstärker und Modulation erstellt und in einem Patch verwendet werden, ohne zusätzlichen Sampling-Speicher zu verbraten. Dies entspricht den "virtuellen Samples" anderer Geräte. Gehen Sie also bei der Erstellung eigener Patches grundsätzlich so vor: Die fünf Wellenformen belegen die ersten fünf Tone-Speicherplätze. Lassen Sie sie dort liegen, und verändern Sie auch nicht die zugehörigen Tone-Einstellungen. Stattdessen können Sie auf den nachfolgenden Plätzen Sub Tones aus diesen Samples kreieren und in Ihre Patches einbauen. Wählen Sie dazu den gewünschten Speicherplatz an (z.B. Tone A-16) und wählen Sie beim Tone-Parameter Original Tone den gewünschten Tone (A-11 bis A-15) als Basissample. Nun können Sie individuelle Einstellungen tätigen und den Tone in einem Synthesizer-Sound verwenden.
Für die ersten fünf Tones mit den Samples bietet es sich übrigens an, neutrale Grundeinstellungen als Templates zu programmieren: Öffnen Sie das Filter, drehen Sie die Resonanz zu, und programmieren Sie für Filter und Verstärker einfache Gate-Hüllkurven. Stellen Sie nun einen derart neutralisierten Tone als Quelle für Kopien ein (C.Source). Bei jedem neuen Tone können Sie nun die Parameter über das Command-Menü übernehmen und jeden Sound mit diesen Einstellungen beginnen.

Scheuen Sie sich auch nicht, alle Möglichkeiten Ihres Samplers für die neuen Sounds zu nutzen! Jedem Oszillator (=Tone) können Sie einen eigenen Einzelausgang zuweisen. Das ermöglicht am Mischpult z.B. freie Positionierung im Stereo-Panorama, weitere Nachbearbeitung der Oszillatoren mit Effekten oder EQ etc. Ebenfalls können Sie mit den Tone-Parametern die Lautstärke der Tones getrennt regeln, jedem seinen eigenen LFO zuweisen und ausschweifende Klangverläufe programmieren - bedenken Sie, dass die S-Sampler achtstufige Hüllkurven haben. ADSR werden Sie da schnell vergessen...

Deutlich weiter gehende Klangmöglichkeiten erschließen sich Ihnen, wenn Sie auch andere Wellenformen verwenden. Metallische Spektren, Attack-Samples oder typische Hauch- und Röchelwellen können Sie von Ihren Synthesizern selbst absamplen und loopen. Als Klanganteil sorgen sie für reichlich Abwechslung. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Hier bietet es sich auch an, eine Diskette anzulegen, die ausschließlich Wellenformen enthält. Laden Sie diese dann immer nach Bedarf in ein bestehendes Soundset mit "normalen" Samples, und programmieren Sie neue Sounds "on the fly".

Aber auch die Techno-Freunde sollen nicht zu kurz kommen: Mit etwas Geschick sind mit dem S-550 auch wüste Subbässe möglich (verwenden Sie dazu z.B. die Sinuswelle), Kraftwerk-ähnliche Elektro-Percussion gewinnt man aus dem Noise-Sample mit viel Filterresonanz, und gluckernde Sequenzerbässe und Arpeggio-Sounds erhält man mit gegeneinander verstimmten Rechteck-Samples und leicht zugedrehtem Filter. Über die Anschlagsdynamik können Sie dann sehr lebendige filtermodulierte Linien kreieren.
Etwas mühsamer gestaltet sich leider die volle Kontrolle der Cutoff-Frequenz über Hardware-Controller: Die Rolands bieten hier keine entsprechende Zuweisung von Controller-Nummern oder Modulationsrad. Die neueste System-Version erlaubt jedoch das Routing von Aftertouch-Meldungen auf die Filterfrequenz. Bauen Sie sich im Sequenzer einen MIDI-Verbieger ein, der eingehende Controller-Daten (z.B. vom Modulationsrad) in Aftertouchdaten umwandelt und wieder ausgibt. Entsprechend eingestellte Patches (A.T. Assign auf Cutoff, A.T. Sense nach Geschmack), die mit diesen Daten "beschossen" werden, reagieren mit herrlichen Filtermodulationen, die man einem alten Sampler so gar nicht zutrauen würde.

Als Bonbon gibt es von MEMI ein Paket, mit dem Sie gleich loslegen können: Es enthält ein Roland Diskimage für den S-550 mit den fünf genannten Wellenformen und ein paar Demosounds, sowie ein Logic-Environment, das die erwähnte Umwandlung von Aftertouch-Daten vornimmt. Laden Sie sich das ZIP-File hier herunter.