Rezension
Metamorphoses
1. Je me souviens
Ein entspannt groovender Titel angereichert mit einer netten kleinen
Piano-Linie und eingestreuten Worten einer uns ubekannten Dame. Das ganze
bewegt sich völlig unspektakulär irgendwo zwischen Tangerine Dreams Mixes und
Shillout a la Robert Miles. Leicht verdaulich, ein netter Opener.
2. C´est la vie
Der zweite Titel bietet die erste Überraschung. Nach einem ruhigen Intro
treibt ausgefeilte Rhythmik dieses Stück dynamisch an. Die Dame von eben setzt
zu englisch/französischen Lyrics an und schraubt sich sehr orientalisch zu
Sangesleistung auf, dass es einem das Wasser in die Augen treiben kann.
Grossartige Stimme! Sowas nennt sich Ethno-Pop und hätte auch auf Paul
Haslingers "World without Rules" eine gute Figur gemacht.
3. Rendez-vous a Paris
Aha, Rendezvous hat der Franzose ja schon einige hinter sich. Dieses beginnt
mit einem stampfenden Drumloop, dem sich schnell eine entspannte Akkordlinie
anschließt. Eine stark elektronisch bearbeitet Stimme (Jarre selbst?) singt den
Refrain und zu dem netten Arrangement gesellt sich unter anderem eine Harfe.
Wieder Easy Listening, das flutscht recht seicht in den Gehörgang. Und dann
legt eine Violine ein Solo hin, dass man direkt bei "Riverdance" schon gehört
haben könnte. Strange, aber nicht schlecht.
4. Hey Gagarin
Jarre versucht sich hier in Sachen Dancefloor. Ein simpler Four-to-the-Floor
Beat setzt nach kurzem Intro stampfend ein. Eine Vocoderstimme singt
elektronisch ihren Text. Das war´s dann auch. Netter Versuch, funktioniert auch
durchaus, mehr Abwechslung wäre trotzdem nicht verkehrt gewesen.
5. Millions of stars
Dieser Titel weiss da schon besser zu überzeugen. Über einen ruhigen spaceigen
Untergrund zitiert die weibliche Stimme von eben Ziffern und Buchstaben.
Schachzüge? Bei dem Titel wohl eher Sternenklassen oder ähnliches. Nun, wenn es
auf diesem Album einen Augenblick gibt der an klassische Jarre-Momente erinnert
finden wir ihn hier: für eine Sekunde meint man einen Effekt aus den seeligen
70ern zu hören, für eine Sekunde. Der Track gleitet sehr angenehm dahin und am
Ende setzt ein wunderbares echtes Streicherarrangement ein. Und ich fresse
meinen Sampler, wenn das nicht Musiker aus Fleisch und Blut sind. Herrlich. Der
Mann ist für Überraschungen gut.
6. Tout est blue
Sagte ich Überraschungen? Ein kurzes Intro in dem sich Handystörungen und
Modemgefiepe tummeln und die Vokalistin wieder Fragmente französischer und
englischer Herkunft spricht wird jäh von einem weiteren Dancefloorrhythmus
abgerissen. Über dem Beat und einer pumpenden Basslinie setzt ein
Backgroundchor zu einer chanson-artigen Melodie an, die direkt aus
irgendwelchen 20 jährigen fränzosischen Kunstfilmen stammen könnte. Verrückt.
Auch hier fehlt letztlich der entscheidende Kick, mehr Abwechslung wäre schön.
Da können auch die netten Streicher wenig retten.
7. Love Love Love
Ein stampfender Beat unterlegt eine melancholische Melodie, die wieder von
einer stark mit Effekten bearbeiteten Stimme gesungen wird. Auch die Sängerin
kommt zum Zuge, hier mit gesprochenem Text zwischen dem Refrain. Dieses Stück
lebt von den sehr groovig programmierten Beats und seiner etwas gedrückten
Stimmung. Sehr gelungen.
8. Bells
Hehe, der Stinkefinger für Mr. Oldfield und seine Millennium Bell! Die griffige
Melodie spielt ein schweres Glockensample. Der Beat ist wieder sehr tanzbar,
das Stück recht treibend aber auch wieder etwas ideenarm. Irgendwie erinnert
mich das an Yello. Ja, das brummige Organ Dieter Meiers hätte hier auch sehr
gut gepasst.
9. Miss Moon
Schönes atmosphärisches Intro, eine Stimmung die mir Bilder von nächtlichen,
verregneten Strassen vor das geistige Auge treibt. Ein sehr schön rollender
Beat bringt Dynamik in das Stück, das man vielleicht als den
"Instrumentaltitel" des Albums bezeichnen kann. Bis auf diverse Vokaleffekte
bleibt ein griffiger Textteil diesmal aus. Reine elektronische Musik bekommen
wir hier geboten, allein "den" Jean Michel Jarre sucht man vergeblich. Dieser
Titel zeigt am besten wie weit sich der Herr von seiner Vergangenheit entfernt.
Dass man mich nicht missversteht: ich halte dieses Stück für mit das stärkste
der CD. Zumindest ist es das mit der dichtesten Atmo.
10. Give me a sign
Achtung, den Titel können wir bald bei Top Of The Pops erwarten! Was
locker-flockig abgroovt und kurz, aber wirklich nur ganz kurz, an Oxygene 7-13
erinnert kippt plötzlich zu einer knalligen modernen Version einer
Moroder-Diskonummer!!! Unglaublich. Es singt wieder unsere Vokalistin.
11. Gloria, lonely boy
Ein geräuschhaft stampfender Drumloop dominiert hier von Beginn an und wieder
singt eine düstere Vocoderstimme eine
getragene Melodie, die einem irgendwie geläufig scheint. Und tatsächlich
erinnert die Melodielinie an die langsamen bombastisch arrangierten Balladen
wie man sie z.B. von "Chronologie" kennt. Mit der Ähnlichkeit hat es sich dann
auch, glücklicherweise! Hier bleibt das Stück nämlich erst ein Skelett seiner
selbst: kalter Maschinenbeat, klagender Vocoder und metallische Klänge. Das
ganze gelingt Jarre sehr dicht. Und dann setzt tatsächlich wieder ECHTE
Streicher ein, aber weit weg vom künstlichen Bombast alter Tage. Wunderbar!
12. Silhouette
Die Vokalistin schraubt wieder orientalisch in die Lüfte, diesmal frei von
Textballast. Erinnert irgendwie an die gute alte Fa-Werbung... Kein Rhythmus
hier, nur getragene Synthiflächen und ein Basslauf. So wirft uns der Franzose
sachte aus der "Metamorphoses". Ein kurzer und gelungener Abgang.
Was kann man zum Abschluss sagen? Jarre ist tot, es lebe Jarre? Jarre für das neue Millennium?? Vielleicht: ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein grosser Schritt für Jarre! "Metamorphoses" ist keine Sternstunde der Musik, aber wir haben hier das Werk eines Mannes der durch seine Musik zurecht berühmt wurde und nun radikal seinen Stil ändert. Dies nicht in dem Sinne, dass er sich von der EM völlig abwendet und einer völlig anderen Richtung verschreibt. "Metamorphoses" ist für EM Liebhaber durchaus zugänglich. Erstaunlich ist, dass vom alten Sound nahezu nichts mehr vorhanden ist. Kaum ein Moment an dem man aufmerkt und sagt: ja, klar, DAS ist Jarre. Über den stilistischen Schwenk mag man streiten, unterm Strich bleibt ein superb produziertes und arrangiertes Popalbum in das JMJ seine ganze Professionalität hat einfliessen lassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, funktioniert es doch recht gut und bringt etwas zurück, dass meines Erachtens mit den letzten Platten Jarres verlorengegangen schien: man fragt sich wieder, was der Franzose als nächstes macht.