Rezension

Metamorphoses

Jean Michel Jarre

2000 CD 12 Tracks 61
★★★☆☆ 6.4/10 (20 Stimmen)
Diese Rezension wurde von Frank Makowski verfasst am 2. Januar 2000 und stammt aus dem MEMI-Archiv (1994–2005).
Ein neues Album von Jean Michel Jarre ist immer ein Ereignis. Bei "Metamorphoses" trifft das auch zu, allerdings auf eine ganz eigene Art und Weise. War "Oxygene 7-13" der eher laue Versuch an alte musikalische Konzepte anzuknüpfen, Jarre selber äussert sich heute eher unzufrieden zu dem Album, so ist der Titel des neuen Werkes regelrecht Programm: JMJ geht konsequent zur Sache, schneidet die alten Zöpfe ein für allemal ab und präsentiert sich nach dieser Metamorphose mit einer CD, die für einiges Aufsehen sorgen dürfte. Der klassischen EM von "Oxygene" und "Equinoxe" entsagt er ebenso wie er sich in Zukunft wohl auch nicht mehr in pseudo-klassischem Bombast ergehen wird und tumbe Technomixe sucht man auch vergeblich. Tatsächlich fällt es sehr schwer an irgendeiner Stelle von "Metamorposes" ältere Werke als Referenzen heranzuziehen. Was Jarre bietet ist pure moderne Popmusik mit allem was zeitgemäß dazugehört: dancefloor-kompatible Rhythmen und Vocals. Jawohl, auf Jarres neuem Silberling wird gesungen. 12 Songs stellt der Franzose vor:

1. Je me souviens
Ein entspannt groovender Titel angereichert mit einer netten kleinen Piano-Linie und eingestreuten Worten einer uns ubekannten Dame. Das ganze bewegt sich völlig unspektakulär irgendwo zwischen Tangerine Dreams Mixes und Shillout a la Robert Miles. Leicht verdaulich, ein netter Opener.

2. C´est la vie
Der zweite Titel bietet die erste Überraschung. Nach einem ruhigen Intro treibt ausgefeilte Rhythmik dieses Stück dynamisch an. Die Dame von eben setzt zu englisch/französischen Lyrics an und schraubt sich sehr orientalisch zu Sangesleistung auf, dass es einem das Wasser in die Augen treiben kann. Grossartige Stimme! Sowas nennt sich Ethno-Pop und hätte auch auf Paul Haslingers "World without Rules" eine gute Figur gemacht.

3. Rendez-vous a Paris
Aha, Rendezvous hat der Franzose ja schon einige hinter sich. Dieses beginnt mit einem stampfenden Drumloop, dem sich schnell eine entspannte Akkordlinie anschließt. Eine stark elektronisch bearbeitet Stimme (Jarre selbst?) singt den Refrain und zu dem netten Arrangement gesellt sich unter anderem eine Harfe. Wieder Easy Listening, das flutscht recht seicht in den Gehörgang. Und dann legt eine Violine ein Solo hin, dass man direkt bei "Riverdance" schon gehört haben könnte. Strange, aber nicht schlecht.

4. Hey Gagarin
Jarre versucht sich hier in Sachen Dancefloor. Ein simpler Four-to-the-Floor Beat setzt nach kurzem Intro stampfend ein. Eine Vocoderstimme singt elektronisch ihren Text. Das war´s dann auch. Netter Versuch, funktioniert auch durchaus, mehr Abwechslung wäre trotzdem nicht verkehrt gewesen.

5. Millions of stars
Dieser Titel weiss da schon besser zu überzeugen. Über einen ruhigen spaceigen Untergrund zitiert die weibliche Stimme von eben Ziffern und Buchstaben. Schachzüge? Bei dem Titel wohl eher Sternenklassen oder ähnliches. Nun, wenn es auf diesem Album einen Augenblick gibt der an klassische Jarre-Momente erinnert finden wir ihn hier: für eine Sekunde meint man einen Effekt aus den seeligen 70ern zu hören, für eine Sekunde. Der Track gleitet sehr angenehm dahin und am Ende setzt ein wunderbares echtes Streicherarrangement ein. Und ich fresse meinen Sampler, wenn das nicht Musiker aus Fleisch und Blut sind. Herrlich. Der Mann ist für Überraschungen gut.

6. Tout est blue
Sagte ich Überraschungen? Ein kurzes Intro in dem sich Handystörungen und Modemgefiepe tummeln und die Vokalistin wieder Fragmente französischer und englischer Herkunft spricht wird jäh von einem weiteren Dancefloorrhythmus abgerissen. Über dem Beat und einer pumpenden Basslinie setzt ein Backgroundchor zu einer chanson-artigen Melodie an, die direkt aus irgendwelchen 20 jährigen fränzosischen Kunstfilmen stammen könnte. Verrückt. Auch hier fehlt letztlich der entscheidende Kick, mehr Abwechslung wäre schön. Da können auch die netten Streicher wenig retten.

7. Love Love Love
Ein stampfender Beat unterlegt eine melancholische Melodie, die wieder von einer stark mit Effekten bearbeiteten Stimme gesungen wird. Auch die Sängerin kommt zum Zuge, hier mit gesprochenem Text zwischen dem Refrain. Dieses Stück lebt von den sehr groovig programmierten Beats und seiner etwas gedrückten Stimmung. Sehr gelungen.

8. Bells
Hehe, der Stinkefinger für Mr. Oldfield und seine Millennium Bell! Die griffige Melodie spielt ein schweres Glockensample. Der Beat ist wieder sehr tanzbar, das Stück recht treibend aber auch wieder etwas ideenarm. Irgendwie erinnert mich das an Yello. Ja, das brummige Organ Dieter Meiers hätte hier auch sehr gut gepasst.

9. Miss Moon
Schönes atmosphärisches Intro, eine Stimmung die mir Bilder von nächtlichen, verregneten Strassen vor das geistige Auge treibt. Ein sehr schön rollender Beat bringt Dynamik in das Stück, das man vielleicht als den "Instrumentaltitel" des Albums bezeichnen kann. Bis auf diverse Vokaleffekte bleibt ein griffiger Textteil diesmal aus. Reine elektronische Musik bekommen wir hier geboten, allein "den" Jean Michel Jarre sucht man vergeblich. Dieser Titel zeigt am besten wie weit sich der Herr von seiner Vergangenheit entfernt. Dass man mich nicht missversteht: ich halte dieses Stück für mit das stärkste der CD. Zumindest ist es das mit der dichtesten Atmo.

10. Give me a sign
Achtung, den Titel können wir bald bei Top Of The Pops erwarten! Was locker-flockig abgroovt und kurz, aber wirklich nur ganz kurz, an Oxygene 7-13 erinnert kippt plötzlich zu einer knalligen modernen Version einer Moroder-Diskonummer!!! Unglaublich. Es singt wieder unsere Vokalistin.

11. Gloria, lonely boy
Ein geräuschhaft stampfender Drumloop dominiert hier von Beginn an und wieder singt eine düstere Vocoderstimme eine getragene Melodie, die einem irgendwie geläufig scheint. Und tatsächlich erinnert die Melodielinie an die langsamen bombastisch arrangierten Balladen wie man sie z.B. von "Chronologie" kennt. Mit der Ähnlichkeit hat es sich dann auch, glücklicherweise! Hier bleibt das Stück nämlich erst ein Skelett seiner selbst: kalter Maschinenbeat, klagender Vocoder und metallische Klänge. Das ganze gelingt Jarre sehr dicht. Und dann setzt tatsächlich wieder ECHTE Streicher ein, aber weit weg vom künstlichen Bombast alter Tage. Wunderbar!

12. Silhouette
Die Vokalistin schraubt wieder orientalisch in die Lüfte, diesmal frei von Textballast. Erinnert irgendwie an die gute alte Fa-Werbung... Kein Rhythmus hier, nur getragene Synthiflächen und ein Basslauf. So wirft uns der Franzose sachte aus der "Metamorphoses". Ein kurzer und gelungener Abgang.

Was kann man zum Abschluss sagen? Jarre ist tot, es lebe Jarre? Jarre für das neue Millennium?? Vielleicht: ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein grosser Schritt für Jarre! "Metamorphoses" ist keine Sternstunde der Musik, aber wir haben hier das Werk eines Mannes der durch seine Musik zurecht berühmt wurde und nun radikal seinen Stil ändert. Dies nicht in dem Sinne, dass er sich von der EM völlig abwendet und einer völlig anderen Richtung verschreibt. "Metamorphoses" ist für EM Liebhaber durchaus zugänglich. Erstaunlich ist, dass vom alten Sound nahezu nichts mehr vorhanden ist. Kaum ein Moment an dem man aufmerkt und sagt: ja, klar, DAS ist Jarre. Über den stilistischen Schwenk mag man streiten, unterm Strich bleibt ein superb produziertes und arrangiertes Popalbum in das JMJ seine ganze Professionalität hat einfliessen lassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, funktioniert es doch recht gut und bringt etwas zurück, dass meines Erachtens mit den letzten Platten Jarres verlorengegangen schien: man fragt sich wieder, was der Franzose als nächstes macht.